Es ist dienstags 0:44 Uhr, die Stadt menschenleer. Lediglich ein einzelner Mensch ist unterwegs, der sich müde die letzte Pecantasche aus der Auslage des Spätis holt und in die letzte S-Bahn des Tages steigt. Ziel BER Terminal 1–2. Keine Nachtschwärmer, kein Partyvolk, welches torkelnd den Gehweg einnimmt. Dieser Mensch fährt allein durch die Nacht, einzig die Stationsdurchsagen in der S-Bahn durchbrechen die angenehme Stille. Meine Stille.
…als in der eigenen.
Ich saß heute in „meinem“ Park in Berlin, hatte die Klassik-Playlist im Ohr, roch den Herbst und sinnierte. Zwei Bänke weiter saßen drei Herren, hörten lautstark Led Zeppelin und Motörhead, so dass es meine Jazz Suite No. 2 übertönte, sie übten sich in der Jonglage von Keulen und eigentlich war es eine perfekte Situation, eine Geschichte zu schreiben. Dennoch kam in mir eine gewisse Gleichgültigkeit auf. Und ich dachte weiter. Warum das so ist.
Im Pratergarten prasseln mittlerweile die Kastanien von den Bäumen. Es riecht nach herabfallendem Laub, aufgeweichtem Boden, frisch gerösteten Maronen. Ich kam im Sommer nach Wien und ging im Herbst. Dazwischen lagen keine drei Wochen. Und jetzt sitze ich im Railjet, der mich in 8 ½ Stunden wieder in Berlin ausspuckt. Zeit für ein kleines Resümee.
„Der Tod, das muss ein Wiener sein“, heißt es in einer Textzeile des Wienerlieds von Georg Kreisler. So wird dem Wiener ein gewisser Hang zur Morbidität nachgesagt und da ist es nicht verwunderlich, dass sich mit dem Zentralfriedhof eine der größten Friedhofsanlagen Europas in der Stadt befindet. Circa drei Millionen Verstorbene liegen dort begraben – ein Drittel mehr als in der Stadt heute Lebende und etwa die Hälfte aller Wiener, die je gelebt haben.
Davon keine Geringeren als die Haute Volée der Komponisten (Beethoven, Strauss, Brahms, Schubert), Musiker und Künstler (Curd und Udo Jürgens, Falco, Theo Lingen) sowie der ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten.
Ein knappes dreiviertel Jahr ist es nun her, dass ich eine Reise antrat – alles außerhalb der Berliner Stadtgrenzen erschien für Monate unerreichbar. Diesem Mangel wollte ich nun entschieden entgegen treten und mich in den Hotspot der Mondänie begeben. Vom Basislager Plauen ging es nach Karlovy Vary, der Stadt gewordenen Datscha russischer Oligarchen in Tschechien.
Der Abreisetag. An der Aufregung kann es nicht gelegen haben, dass ich um 5:30 Uhr wach war. Auch tönten keine Sirenen, sondern vielmehr bretterte eine Boeing 787-9 Dreamliner in gefühlt 100 Metern Flughöhe über mein Haus. An Weiterschlafen war nicht mehr zu denken, denn wenige Minuten folgte eine 777 aus Bangkok. Dank intensiver Studien von flightradar24, das ich während der allabendlichen Terrassensitzung und die ankommenden Flieger betrachtend fortwährend scannte, erkenne ich die Fluggesellschaften größtenteils von unten anhand ihrer Bemalung. Die El Al-Maschinen zeichnen sich übrigens dadurch aus, dass ihr Bauch der eines Haifischmauls ähnelt – was immer das auch bedeutet.
Gestern war Todds Geburtstag. Helau! Also ging ich vorher auf den Markt, um eine Kleinigkeit zu besorgen, die ich ihm dann mit einer aus seinem Regal gemopsten Kerze überreichen wollte. Er mag Kaffee und was liegt da näher, als diesen bei Micki zu erwerben. Dies verband ich gleich noch, um meinem Lieblingsbarista Lebewohl zu sagen. Denn morgen geht schon mein Rückflug.
Der Tag begann turbulent. War ich sonst immer so gegen 6:30 Uhr wach, riss mich um 8:00 Uhr Sirenengeheul aus dem Bett. Eine unmittelbare Bedrohung lag über der Stadt und das Signal bedeutete, dass sich die Bevölkerung in nahegelegene Sicherheitszonen begeben soll. Oder zumindest nicht das Haus verlassen. Dies kannte ich bereits von meinem ersten Aufenthalt und nachdem nach etwa 5 Minuten die Sirene erlosch, hörte ich zwei dumpfe Geräusche, ähnlich dessen, wenn jemand eine Autotür zuschlägt: Entweder gab es irgendwo einen Einschlag oder der Iron Dome hatte ganze Arbeit geleistet.
Gestern Abend machte ich etwas ganz Verrücktes. Im Schutze der Dunkelheit zog ich heimlich die Socken aus (bzw. gar nicht erst an) und ging mit Schlappen an den Strand, um schließlich barfuß durch das Meer zu stapfen! Hoffentlich hat mich niemand gesehen und petzt. Interessanterweise ist das Mittelmeer bedeutend wärmer gewesen als der Strand, welcher schon eine gewisse Kühle einnahm. Ich ließ mir das heute von Todd erklären, der mich morgens auf einen Kaffee einlud.